unabhängig - agnostisch - unakademisch
seit 2010 - 2. Jahrgang





April 2011
No. 3

Themen:



Freiland Freigeld Gilde Donnershag
bei Sontra

Impressum

        


Die Geschichte alternativer Bewegungen im Outback (4)
Eine unakademische Sammlung zur Entwicklung

fortschrittlicher Bewegungen in Nord-Osthessen und West-Thüringen.
 
Nestwärme in erkalteter Gesellschaft
 
    Oberhalb von Sontra, nahe der B 27, liegt der kleine Ortsteil Donnershag. Allein dieser romantische Name erregte schon früh mein Interesse. Auch ein offensichtlich altes Holz- haus mit angebautem, heute weitgehend verfallenem Gewächshaus, mitten in den modernisierten, aber gleichartigen Gebäu- den, machte mich neugierig.


Donnershag heutzutage

    Aber erst der Hinweis eines Freundes auf eine obskure 'Vegetarier - Kommune' in den 1920er Jahren, ließ mich dann der ganzen Geschichte nachgehen.

    Rasch offenbarte Google, daß Sontra Donnershag in einem SPIEGEL Artikel von 1983 in diesem Zusammenhang Erwähnung findet. Hier Auszüge:

Nestwärme in erkalteter Gesellschaft
Schon vor 80 Jahren:
Aussteiger-Siedlungen auf dem Land.

"....Fast alle Experimente scheiterten am unlösbaren Widerspruch von Schwärmerei und nüchternem Alltag..."
  
Hier die Donnershag betreffenden Stellen des Artikels:

  "Ungehindert dagegen konnten es die völkischen Siedlungen treiben, so "Donnershag" in Sontra, wo an der Erneuerung von Volk und Rasse gearbeitet wurde - dies nach dem Vorbild eines Willibald Hentschel, der Rassenhygiene durch Polygamie predigte, zehn Männer auf eine Frau."
    "Obwohl sich alle einig waren, daß "in Arbeit und Feier wieder ein Schwingen und Klingen" kommen sollte und die Volkslieder wieder mehrstimmig zu singen waren, "wie sich's gehört", wobei die "hehre Harfe" half - aber die "ungehemmte Gattennahme der Frau" führte zu solchem Streit, daß alles auseinanderlief." ....
    "....von den alten Donnershagern ist einer übriggeblieben: Unterdes weit über achtzig, weist in Sontra ein Oswald Kiehne, Gartenbauer und Reform-kaufmann, noch immer "Wege zum neuen Leben", nun als Leiter der Deutschen Vegetarier-Zentrale."

 
  
Donnershag um 1913
    In den vorherigen Teilen dieser Reihe habe ich versucht die Zeit vor dem 1. Weltkrieg (Teil 2) und kurz danach (Teil 3) ins Bewußtsein zu rufen.
    In den 1920er Jahren weidete sich das Bürgertum an Wehmut, Weltschmerz und Verschwörungstheorien. Viele junge Männer waren desillusioniert und traumatisiert aus dem "Feld" gekommen.
    Diese Masse der Leichtgläubigen war der ideale Nährboden für die 'Inflationsheiligen', dieses schillernde Zeitphänomen aus Wanderpredigern, Propheten und selbst- ernannten Christus-Wiedergängern. Sie verkündeten landauf landab ihre selbst- ersonnenen reformerischen Utopien, riefen auf zu neuen Lebensformen und forderten vor allem die Abkehr von den Werten, die zum 1. Weltkrieg geführt hatten.
      Grossen Zulauf hatten spirituelle und okkulte Bewegungen. Die Theosophische Bewegung spaltete sich in immer mehr Sekten und Logen auf. Die Antroposophie, mit Ihrer umfassenden Lebenslehre, wuchs zur festen Grösse neben den Kirchen. Das Freimaurertum wirkte vor allem im etablierten Bürgertum.
    Das gesamte Volk fühlte sich durch den 'Versailler Frieden' gedemütigt und stand allein gegen den Rest Europas. Kein Wunder, dass sich die Menschen nationalem, völkischen Gedankengut näherten, wie z.B. dem Tannenberg Bund oder dem Deutschen Orden.

Vielfältige Kombinationen aus Gesund- heitsratschlägen, Kleiderreform, Frei- körperkultur, Vegetarismus, Anti- modernismus und  Antisemitismus fand zahlreiche, weitgehend kritiklose, schwärmerische Anhänger.

   Inmitten dieser breitgefächerten Reformbe- wegungen existierte auch eine nicht zu unterschätzende Gruppe völkisch gesinnter Menschen, die zu den geistigen Wurzeln der späteren national-sozialisitsichen Herrschaft zu zählen ist, - darunter auch Ernst Hunkel, der die lebensrefomerische Zeitschrift 'Neues Leben' in eine völkisch-rassische Zeitschrift trans-formierte und mit seiner Frau praktizierender Anhänger einer plan- mäßigen, völkischen Rassenzucht war.
 
    Margart Hunkel hatte 1917 die 'Deutsche Schwesternschaft' für ledige Frauen und Mädchen deutscher Herkunft gegründet. Ihr Mann, Verleger und Kanzler des "Deutschen Ordens", fand dann 1919 die leerstehenden Siedlungshäuser von "Neu-Posen" (oben) als idealen Standort einer 'Rassenpflegestätte'.
    Die Hunkels erwerben die Häuser und etwas Land und gründen die 'Freiland- Freigeld-Siedlung Donnershag'. Hier soll nun "nahe an der Scholle, fernab der verseuchten Großstadt" deutsche Art gedeihen.
 
    Schon vor 1914 strebte Willibald Hentschel (1858-1947) Ziele wie Rassenhygiene und Polygamie in seiner germanischen Zuchtkolonie Mitgard an. Er ging als Erfinder des 'Heils-Grusses' in die Geschichte ein.



    Im Buch "Deutsch-Ordens-Land" legt Hunkel die Philosophie der Gemeinschaft und die Regeln des Zusammenlebens fest.
    Die Grundzüge seines Gedankengutes beschreibt Hunkel im Vorwort:  " Nicht mit ihnen, .... den Kapital-, Sozial- und Klerikal- Demokraten, den Reaktionären und Kommunisten..., nur gegen sie, kann sich das wahrhaftige Deutschland wieder erheben, indem es die Giftstoffe, ...,  aus seinem Körper vollkommen entfernt:  das christlich - semitische Dogma  und das byzantinisch - semitische Wucherrecht des Zinses und der Privatgrundrente: Klerikalismus und Kapitalismus".
    Auch der "Jungborn" Verlag wird nach Donnershag verlegt. Er dient als wirtschaftliche Basis und vertritt lebens- reformerische und freiwirtschaftliche Ideen.

          
 
Gärtnern im Lichtkleid


    Die Donnershager Devise: Stärkung des Deutsch- und Germanentum, durch die Wiederbelebung ländlicher Siedlungs- und Sippenpflege.
   
     1920 entstehen durch Landzukauf und Ver- pachtungen Genossenschaftsbetriebe und Werkstätten sowie eine deutsche Herberge, um junge Landwirte auszubilden. Gartenbau, Vieh- und Kleintierzucht wird zumeist im 'Lichtkleid' betrieben.


'Sippenpflege' in Donnershag





Freigeld mit Bild Hunkels


 
Widerspruch von Schwärmerei
und nüchternem Alltag


Szene Maler Fidus mit Muse


Siedlung Donnershag um 1921


    Zu Hochzeiten sollen etwa 350 Siedler in Donnershag gelebt haben.
   Den schönen Namen "Donnershag" hatte Hunkel der Siedlung gegeben: "Zuerst mußte unsere Siedlung einen Namen haben. Neu-Posen hatte die Landbank die fünf Höfe mit ostdeutschem Anklang, aber wenig ge- schmackvoll genannt; der Name konnte nicht bleiben. Wir nannten sie Donnershag. Hinter den Häusern steigt ein schöner Eichenwald bergan; und in einiger Entfernung steht eine alte, noch heute sogenannte Maleiche, Donners heiliger Baum; unter ihr wollten wir unsere Versammlungen und  Gedinge halten. Die heilge Donnerseiche, die einst der britische Römling Bonifazius mit frevler Hand umgehauen, wollten wir wieder aufrichten in unseren Herzen. So weihten wir Wald und Au, Haus und Herz zu einem heiligen Donnershag."
... "Das Leben der Gilde ist nach manchen am Anfang unausbleiblichen Erschütterungen in ruhige, feste Bahnen gekommen. Jeden Donnerstag ist "Laube", abwechselnd vertraute, geschlossene und offene. Zwischendurch an Sonntag-Vormittagen Morgensprache, möglichst unter freiem Himmel. unter der Maleiche. Die Jahresfeste werden gemeinsam begangen. Geburt und Tod sind schon in der ersten Zeit zwischen uns getreten und haben die Teilnahme der Gemeinschaft gefordert. An einem Frühlings- Sonntage weihten wir unsere Gemeindelinde auf dem grünen Anger, der uns zu Spiel und Volkstanz, zu Gerwerfen und Bogenschießen dienen soll. Der Gildemeister sprach dabei mit erhobenem Hammer den Weihspruch.



Donner - Donar - Thor




Thor im Norden oder Donar bei den kontinentalen germanischen Völkern ist „der Donnerer“ (Nomina Agentis), ursprünglich als Gattungsname „der Donner“ (Appellativum).

Thor / Donar fungierte für die zur See fahr- enden Völker als wichtiger Gewitter- und Wettergott sowie in weiterer Funktion innerhalb der bäuerlichen germanischen Gesellschaft als Vegetationsgottheit.

In den mythologischen eddischen Schriften hatte er die Aufgabe des Beschützers von Midgard, der Welt der Menschen.

 


Donnershag heute

    Doch wie schon bei Muck Lamberty, (Teil 3) - der zweifelsfrei zu den geistigen Vätern Donnershags zu rechnen ist -,  erwies sich das Thema der freien Liebe als größtes Hindernis im Zwischen-menschlichen.
    Aus heutiger Sicht erstaunlich daran, dass die Ursache für die Störungen durch die "freie Liebe" bei den Frauen gesehen wird. "Die ungehemmte Gattennahme der Frau" ist laut Ullrich Linse (dessen Buch Grundlage des Spiegelartikels ist) eine Ursache, die auch Muck Lamberty zur seiner Entschuldigung anführt: "die sexuelle Not der Frauen" !  Wahrscheinlich hängt dies mit der durch den Krieg dezimierten Zahl der Männer und dem entsprechenden, grossen "Frauen-überschuß" der Zeit zusammen.
    An der Frage Polygamie oder Monogamie scheitert nicht nur das Ehepaar Hunkel. 1922 wird zunächst Ernst Hunkel selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und schon 1924 bricht das ganze idealistische Gebilde auseinander. In gewisser Weise sollte es jedoch fortbestehen, denn bereits 1922 kommt ein junger Gärtner nach Donnershag: Oswald Kiehne, der noch bis in die 1980er Jahre hier einer der Pioniere  des biologischen Gartenbaus  werden sollte.
    Kiehnes Geschichte erscheint im nächsten Hintergrund.


Oswald Kiehne

    So mancher kritische Leser wird sich nun fragen, ob die Donnershager Gilde ernsthaft zu den 'fortschrittlichen Bewegungen',  wie im Untertitel dieser Reihe, zu zählen ist.
    Natürlich nicht, - ist der damalige Gründungsgedanke doch ein durch und durch national - rassistischer. Zwar sind fortschritt- liche Ansätze zumindest im Wollen erkenn- bar, wie z.B. Vegetarismus, biologischer Anbau und der Freigeldgedanke (heute aktuell als  Regionalwährung).
    Doch nicht einmal die Ideale der Meissner Formel (Teil 1) wurden hier respektiert noch eingehalten. Nach altgermanischem Brauch war in der Donnershag Gilde Alkohol durchaus erlaubt. (Fortsetzung folgt....)






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